© Neue Luzerner Zeitung; 20.03.2006; Seite 9

Luzerner Zeitung Kultur

Heinrich Gartentor

Der Kulturminister, der ohne Heizung auskommt

Der Künstler Heinrich Gartentor ist seit Herbst 2005 Schatten-Kulturminister der Schweiz. Macht er Bundesrat Couchepin Konkurrenz?

Heinrich Gartentor, es gibt doch schon einen Kulturminister. Reicht der nicht?

Heinrich Gartentor: Der, den Sie meinen, ist nicht Kulturminister. Der ist Bundesrat und als solcher zuständig für das Bundesamt für Kultur. Letztes Jahr wurde am «Forum des Artistes» in Biel beschlossen, einen «obersten» Künstlervertreter zu wählen und diesen Kulturminister zu nennen. Das Ganze wurde von den beiden Luzerner Kultur-Netzwerkern Adi Blum und Beat Mazenauer initiiert und aufgegleist.

In der Folge sind Sie per Abstimmung im Internet aus mehreren Kandidierenden gewählt worden. Sehr gross war die Beteiligung nicht: Fühlen Sie sich trotzdem als Vertreter der Kulturschaffenden?

Gartentor: Es war ja auch das erste Mal, dass überhaupt ein Kulturminister gewählt wurde. Deshalb hatte die Beteiligung verständlicherweise nicht das Ausmass einer Nationalratswahl. Das Kulturministerium wird von allen grossen Kulturverbänden getragen, also bin ich durchaus der Vertreter der Kulturschaffenden.

Sie scheinen hauptsächlich virtuell zu existieren: Werden Sie auch im real existierenden Kulturleben wahrgenommen?

Gartentor: So virtuell ist das Ganze auch wieder nicht. Ein Auftritt oder eine Rede wöchentlich ist nicht nichts. Die Kulturschaffenden beobachten sehr genau, was ich erzähle. Auch im Ausland werde ich überraschend stark wahrgenommen. In Deutschland überlegt man schon laut, ob es nicht auch eine unabhängige Kulturstimme geben müsste wie in der Schweiz.

Was haben Sie nach bald 150 Tagen im Amt erreicht?

Gartentor: Zunächst ging es darum, dem Projekt Kulturministerium überhaupt ein Profil zu verleihen. Weder Blum noch Mazenauer hatten eine Vorstellung, was es denn genau zu tun gäbe. Ich auch nicht. Ich wusste nur, dass sich Politiker eine unabhängige Ansprechperson wünschten. Zuerst musste ich mich in die kulturpolitischen Dossiers einarbeiten und gleich eine Vernehmlassungsantwort zum neuen Kulturförderungsgesetz verfassen.

Dossiers und einarbeiten: Ist es das, was Sie als Künstler suchen?

Gartentor: Meine Kunst steht ganz im (alltäglichen) Leben. Immer schon flossen gesellschaftliche Aspekte ein. Deshalb ist es für mich keine Qual, kulturpolitische Dossiers zu lesen und mir Gedanken dazu zu machen.

Wofür kämpfen Sie im neuen Kulturförderungsgesetz?

Wir brauchen nicht ein neues Verwaltungsgesetz mit hohem Administrationsaufwand. Genau das will die Politik nämlich. Doch wenn im Parlament im Herbst die Zusatzkosten aufs Tapet kommen, die das Gesetz verursacht, dann wird es scheitern. Das darf nicht sein. Wir brauchen ein Gesetz, das die Rahmenbedingungen für die Kultur und die Kulturschaffenden verbessert und die soziale Absicherung regelt. Das Gesetz soll handhabbar und finanziell tragbar sein. Davon sind wir momentan noch meilenweit entfernt.

Welchen Stellenwert geben Sie der Pro Helvetia?

Gartentor: Sie wird im Ausland als Gütesiegel erster Klasse wahrgenommen. Wo Pro Helvetia draufsteht, ist Qualität drin. Es wäre ein Eigentor, Pro Helvetia abzuschaffen oder ihr die Unabhängigkeit zu entziehen. Allerdings wünsche ich mir von Pro Helvetia mehr Risiko. Es wird ein bisschen viel Braves gefördert.

Was ist das Wichtigste für einen Kulturminister, damit er etwas bewegen kann?

Gartentor: Zuhören, vermitteln, erzählen. Wenn ich beispielsweise mit Politikern über das neue Kulturförderungsgesetz rede, dann stellen sie mir andere

Fragen, als sie einem Amt oder einem Verband stellen würden.

Nämlich?

Sie sind froh, mit jemandem reden zu können, der von allen getragen wird, aber seine Aussagen nicht immer erst auf die Waagschale legen muss. Immer wieder werde ich gefragt, wovon ich lebe.

Das möchten wir auch wissen.

Gartentor: Ich verdiene rund 2000 Stutz monatlich und lebe in einer Wohnung, die keine Heizung hat. Aber ich lebe gut! Ich stehe dann auf, wenn ich nicht mehr müde bin, und nicht, wenn der Wecker schellt. Ich leiste mir ein GA und jeden Morgen einen Milchkafi in der Beiz, um die Zeitungen zu lesen. Ich habe keine Wochentage und arbeite mindestens zwölf Stunden täglich.

PIRMIN BOSSART

Weitere Informationen: www.kulturministerium.ch

«Die Kulturschaffenden beobachten sehr genau, was ich erzähle.»

Heinrich Gartentor, Kulturminister


Podium

Nicht mehr Geld, aber anders verteilt

«Kulturschaffende werden oft links eingestuft. So wie wir funktionieren, müssten wir aber ein Paradebeispiel für die FDP sein: Dass wir nämlich mit so wenig Mitteln so vieles anstellen», sagte gestern Kulturminister Heinrich Gartentor an einem Podium im Luzerner Theater. Unter der Leitung von Marco Meier (Leiter Sternstunde SF) diskutierten neben Heinrich Gartentor der Zuger CVP-Ständerat Peter Bieri und Marc Wehrlin, stellvertretender Direktor Bundesamt für Kultur.

Etwas kochen, dann reden

Wehrlin bekundete «gar keine Probleme» damit, dass die Schweiz nun neben Bundesrat Pascal Couchepin einen «Kulturminister» habe. Kulturpolitik sei «eine Politik der Widersprüche und der Farbtupfer».

Ständerat Peter Bieri hat bisher noch nie etwas gehört vom Kulturminister. «Eventuell ist das auch beschämend für mich.» Falls er auf der politischen Ebene etwas bewegen wolle, gab Bieri dem Künstler den Rat, dann müsse er «schon mit sehr klaren Vorstellungen kommen». Und «einfach mehr Geld verlangen zu wollen», könne es auch nicht sein. Dem stimmt Gartentor zu. Er verlangt höchstens eine Umverteilung der Gelder zu Gunsten der off-Kultur. Im Übrigen sieht er seine eigentliche Aufgabe im Vermitteln. Erst kürzlich habe er ein Gespräch aufgegleist zwischen SVP-Nationalrat Oskar Freysinger und Autor Daniel de Roulet. Freysinger möchte, dass de Roulet vom Bund bezogenes Geld zurückzahlt. «Ich werde für die beiden etwas kochen, und dann werden wir zusammen reden.» Das ist mehr, als mancher Politiker kann.

pb

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